Der Karyotyp bezeichnet die systematische Untersuchung der Chromosomen eines Individuums in Bezug auf deren Anzahl und Struktur. Diese Analyse ist eine grundlegende Methode zur Identifizierung genetischer Erkrankungen, zur Beurteilung angeborener Anomalien und zur Bestimmung von Risiken im Bereich der reproduktiven Gesundheit.
Die Karyotyp-Analyse wird durch Färbung der aus einer Zellkultur gewonnenen Metaphase-Chromosomen und deren Anordnung unter dem Mikroskop durchgeführt. Dieser Prozess ermöglicht die detaillierte Identifizierung von Chromosomenbrüchen, Translokationen und numerischen Unregelmäßigkeiten.
Die pränatale Karyotyp-Beurteilung ermöglicht die Untersuchung der Chromosomenstruktur des Feten mittels Amniozentese oder Chorionzottenbiopsie. Diese Methode zielt auf die frühzeitige Erkennung chromosomaler Anomalien wie zum Beispiel des Down-Syndroms ab.
Die klinische Interpretation der Karyotyp-Ergebnisse beruht auf der Bewertung der phänotypischen Auswirkungen der festgestellten chromosomalen Variationen. In dieser Phase ist eine genetische Beratung von entscheidender Bedeutung, um mögliche Krankheitsrisiken zu erläutern und geeignete Kontroll- und Nachsorgestrategien festzulegen.
| Wissenswertes | Information |
| Definition / Zweck | Die Karyotyp-Analyse ist ein Gentest, der durchgeführt wird, um die Chromosomenstruktur und -zahl eines Individuums zu beurteilen. Mit diesem Test können chromosomale Störungen festgestellt werden. |
| Anwendungsgebiete | Sie wird zur Abklärung von wiederholten Fehlgeburten, Infertilität (Unfruchtbarkeit), ungeklärten Entwicklungsverzögerungen, angeborenen Anomalien, bestimmten Bluterkrankungen und vererbten Erkrankungen eingesetzt. |
| Probenart | In der Regel wird eine Blutprobe verwendet. Bei Bedarf können auch Fruchtwasser, Knochenmark oder andere Gewebe eingesetzt werden. |
| Ablauf | Die entnommenen Zellen werden im Labor vermehrt. Die Zellen werden in der Metaphase gestoppt, die Chromosomen mit speziellen Farbstoffen gefärbt und anschließend unter dem Mikroskop untersucht. |
| Wie werden die Ergebnisse interpretiert? | Ein normaler Karyotyp beträgt bei der Frau 46,XX und beim Mann 46,XY. Liegen numerische oder strukturelle Abweichungen vor (z. B. Trisomie, Translokation, Deletion), werden diese als chromosomale Anomalien gewertet. |
| Nachweisbare Anomalien | Numerische Anomalien: Trisomie (z. B. Down-Syndrom – 47,XX+21), Monosomie (z. B. Turner-Syndrom – 45,X). Strukturelle Anomalien: Deletion, Duplikation, Inversion, Translokation. |
| Einsatz in der Schwangerschaft | Sie kann zu pränatalen Diagnosezwecken eingesetzt werden, insbesondere bei fortgeschrittenem mütterlichem Alter, auffälligen Screening-Testergebnissen oder familiärer Vorgeschichte genetischer Erkrankungen. Die Untersuchung erfolgt an Proben, die mittels Amniozentese oder CVS (Chorionzottenbiopsie) gewonnen werden. |
| Grenzen des Tests | Die Karyotyp-Analyse kann nur chromosomale Veränderungen erfassen, die groß genug sind, um unter dem Mikroskop sichtbar zu sein. Für kleinere genetische Veränderungen sind molekulargenetische Tests erforderlich. |
| Dauer | Die Ergebnisse liegen in der Regel innerhalb von 2–3 Wochen vor, da der Prozess der Zellkultur und Analyse zeitaufwendig ist. |

Op. Dr. Ömer Melih Aygün
Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe / Erfahrener Spezialist für Unfruchtbarkeit
Von dem türkischen Gesundheitsministerium zertifizierter Spezialist für Unfruchtbarkeit. Seit 1997 Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Erfahrener Spezialist für Unfruchtbarkeit mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung in der Privatmedizin. 25 Jahre internationale Berufserfahrung.
In den letzten 9 Jahren hat er über 15.000 Eizellentnahmen durchgeführt.
Ein selbstständiger Profi mit ausgeprägten Kommunikations- und Problemlösungsfähigkeiten. Verfügt über ausgezeichnete zwischenmenschliche Fähigkeiten, um Konsens zu schaffen und Teamarbeit zu fördern.
Über mich KontaktWas ist ein Karyotyp?
Der Karyotyp ist die Beurteilung der Chromosomenstruktur eines Individuums, indem die Chromosomen hinsichtlich ihrer Anzahl und strukturellen Eigenschaften unter dem Mikroskop untersucht werden. Er wird bei der Diagnose genetischer Erkrankungen, bei Fertilitätsproblemen und bei bestimmten Krebsarten eingesetzt. Mit diesem Test können chromosomale Defekte wie Verluste, Zugewinne oder strukturelle Veränderungen erkannt werden. Die Karyotyp-Analyse wird in der Regel aus einer Blutprobe durchgeführt und gemeinsam mit einer genetischen Beratung ausgewertet.
Was bedeuten die Begriffe Karyotyp, Karyogramm und Zytogenetik?
Diese Begriffe werden im Alltag zwar häufig synonym verwendet, haben im Labor jedoch jeweils eine spezifische Bedeutung:
- Karyotyp: Bezeichnet die vollständige Gesamtheit der Chromosomen in den Zellen eines Individuums. Er stellt einen Überblick über die genetische Architektur der Person dar – also über die Anzahl, Größe und allgemeine Form der Chromosomen.
- Karyotypisierung (Chromosomenanalyse): Bezeichnet den Laborprozess, mit dem dieser Chromosomensatz bestimmt wird. Er umfasst die Untersuchung lebender Zellen:
- Karyogramm: Das sichtbare Ergebnis der Karyotypisierung, also gewissermaßen das Foto der Chromosomen. Auf diesem Bild werden die Chromosomen digital angeordnet, paarweise gruppiert und gemäß internationalen Standards von der größten bis zur kleinsten (1 bis 22) sortiert. Die Geschlechtschromosomen (X und Y) werden an das Ende gestellt. Dieses geordnete Bild dient der systematischen Erkennung von Anomalien.
Alle diese Konzepte sind Teil der Zytogenetik – der Wissenschaft, die die Beziehung zwischen Chromosomenstruktur und Erbmustern untersucht.
Wie sieht ein normaler menschlicher Karyotyp aus?
Eine gesunde menschliche Körperzelle ist „diploid“, das heißt, sie enthält zwei vollständige Chromosomensätze – einen vom Vater und einen von der Mutter. Beim Menschen beträgt diese Zahl 46 (bzw. 23 Paare).
Diese 46 Chromosomen werden in zwei Kategorien eingeteilt:
- Autosomen: Die 22 Chromosomenpaare, die die körperlichen Merkmale bestimmen (nummeriert von 1 bis 22).
- Gonosomen (Geschlechtschromosomen): Das 23. Paar, welches das biologische Geschlecht festlegt (X und Y).
Das internationale Standardformat zur Befundangabe (ISCN) bei einem chromosomal normalen Individuum lautet:
- Normale Frau: 46,XX
- Normaler Mann: 46,XY
Alle klinischen zytogenetischen Analysen werden mit diesem „46,XX- oder 46,XY“-Normalstandard verglichen. Jede numerische oder ausgeprägte strukturelle Abweichung hiervon wird als chromosomale Anomalie betrachtet.
Wie wird die Karyotyp-Analyse (Chromosomenanalyse) im Labor durchgeführt?
Die Gewinnung eines qualitativ hochwertigen Karyogramms erfordert einen präzisen Laborprozess, bei dem aus einer einfachen Blutprobe ein detailliertes Chromosomenprofil erstellt wird. Der gesamte Prozess beruht darauf, die Chromosomen in einem bestimmten Moment der Zellteilung zu „fangen“, in dem sie am deutlichsten sichtbar sind.
Die wichtigsten Schritte dieses Prozesses sind:
- Entnahme einer Blutprobe (in heparinisierten Röhrchen)
- Zellkultur (Vermehrung der lebenden Zellen)
- Stoppen der Zellteilung in der Metaphase (wenn die Chromosomen am stärksten kondensiert sind)
- Ernte und Fixierung (Aufquellen und Stabilisieren der Zellen)
- Bänderung und Färbung (Erzeugung des charakteristischen „Barcode“-Musters der Chromosomen)
- Mikroskopische Analyse
- Erstellung des Karyogramms (digitale Anordnung der Chromosomen)
Welche Einschränkungen hat der Karyotyp-Test?
Das wichtigste Merkmal der Karyotyp-Analyse ist, dass sie lebende Zellen erfordert. Da der gesamte Prozess von einer erfolgreichen Zellkultur abhängt, hat diese Technik zwei wesentliche klinische Nachteile.
Der erste ist die lange Dauer bis zum Vorliegen der Ergebnisse. Da sich die Zellen in Kultur vermehren müssen, beträgt die Zeit von der Probenentnahme bis zum endgültigen Bericht in der Regel 1 bis 3 Wochen.
Der zweite ist das Risiko eines Kulturversagens. Wenn die entnommene Probe (insbesondere empfindliche Gewebe wie Abortmaterial) an Vitalität verloren hat oder während des Transports kontaminiert wird, wachsen die Zellen in der Kultur nicht und der Test liefert kein Ergebnis. Dies stellt insbesondere bei der Analyse von POC (products of conception – Abortmaterial) ein großes Problem dar.
Welche chromosomalen Anomalien kann der Karyotyp-Test nachweisen?
Die Karyotyp-Analyse kann Abweichungen von der normalen Chromosomenanordnung in zwei Hauptkategorien aufdecken:
Numerische Chromosomenanomalien
Dabei handelt es sich um Veränderungen der Gesamtzahl der Chromosomen in der Zelle. Sie entstehen in der Regel durch fehlerhafte Trennung der Chromosomen während der Bildung von Eizellen oder Spermien.
- Trisomie (Vorliegen von drei Kopien eines Chromosoms, z. B. Trisomie 21 – Down-Syndrom)
- Monosomie (Fehlen einer Chromosomenkopie, z. B. 45,X – Turner-Syndrom)
- Polyploidie (Vorliegen eines zusätzlichen vollständigen Chromosomensatzes, z. B. Triploidie)
Strukturelle Chromosomenanomalien
Sie entstehen durch Chromosomenbrüche und anschließendes fehlerhaftes Wiederzusammenfügen der Bruchenden. Das genetische Material wird neu angeordnet.
- Translokation (Austausch von Chromosomenabschnitten zwischen verschiedenen Chromosomen)
- Deletion (Verlust eines Chromosomenabschnitts)
- Duplikation (zusätzliches Vorkommen eines Chromosomenabschnitts)
- Inversion (Umdrehung eines Chromosomenabschnitts um 180 Grad)
Kann die Karyotyp-Analyse alle genetischen Probleme sichtbar machen?
Nein. Dies ist einer der wichtigsten Punkte, die es zu verstehen gilt. Die Karyotyp-Analyse liefert einen panoramischen, niedrigauflösenden „Satellitenblick“ auf die Chromosomen. Sie kann nur sehr große Veränderungen (in der Regel größer als 5 bis 10 Megabasen) erfassen.
Das bedeutet, dass sie sich hervorragend zur Erkennung numerischer Anomalien wie dem Down-Syndrom oder größerer struktureller Veränderungen wie Translokationen eignet, jedoch kleinere, submikroskopische Anomalien wie Mikrodeletion oder Mikroduplikation nicht nachweisen kann.
Ein „normaler“ Karyotyp schließt daher großskalige chromosomale Probleme aus, schließt aber die Möglichkeit kleinerer oder nur ein einzelnes Gen betreffender genetischer Störungen nicht aus. Diese diagnostische Lücke ist der Grund für die Entwicklung höher auflösender molekulargenetischer Techniken wie chromosomaler Mikroarray-Analyse (CMA) und Next-Generation-Sequencing (NGS).
Warum ist der Karyotyp-Test bei Paaren mit wiederholtem Schwangerschaftsverlust (RPL) so wichtig?
Zwei oder mehr aufeinanderfolgende Schwangerschaftsverluste (RPL) sind für Paare ein äußerst belastender Prozess. Unter den vielen möglichen Ursachen gehören chromosomale Probleme bei den Eltern zu den wenigen, die klar definierbar sind und gezielt angegangen werden können.
Der Hauptgrund für die Durchführung einer Karyotyp-Analyse aus Blut bei den Eltern (sowohl bei der Frau als auch beim Mann) in RPL-Fällen ist der Nachweis einer balancierten strukturellen Umlagerung (am häufigsten einer „balancierten Translokation“).
Eine betroffene Person wird als „balancierter Träger“ bezeichnet. Diese Personen wirken meist völlig gesund und unauffällig, da ihr genetisches Material vollständig ist; nur die Lage einiger Segmente ist verändert. Das Problem entsteht bei der Bildung von Eizellen oder Spermien. Während der Meiose können sich die umgelagerten Chromosomen nicht ordnungsgemäß trennen. Dies führt zur Bildung eines hohen Anteils „imbalancierter“ Gameten (Eizellen oder Spermien), die von einem Chromosomenabschnitt zu viel (Duplikation) und von einem anderen zu wenig (Deletion) enthalten.
Wenn eine solche Gamete an der Befruchtung beteiligt ist, ist der entstehende Embryo genetisch imbalanciert und in der Regel nicht lebensfähig. Dies führt entweder dazu, dass sich der Embryo nicht in der Gebärmutter einnisten kann (Implantationsversagen) oder zu einem frühen Spontanabort.
Die Häufigkeit, bei Paaren mit RPL eine relevante chromosomale Anomalie (meist eine balancierte Translokation) nachzuweisen, liegt zwischen 2 % und 6 %. Diese Rate ist deutlich höher als die etwa 0,2 % in der Allgemeinbevölkerung. Daher ist die Karyotypisierung in dieser Patientengruppe ein sehr effizienter und unbedingt durchzuführender Test.
Welche Rolle spielt die Karyotyp-Analyse bei schwerer männlicher Unfruchtbarkeit (z. B. Azoospermie)?
Zwischen einer gestörten Spermienproduktion (Spermatogenese) und der chromosomalen Struktur des Mannes besteht ein enger Zusammenhang. Insbesondere in Fällen, in denen im Ejakulat keine Spermien nachgewiesen werden (Azoospermie) oder die Spermienzahl sehr niedrig ist (schwere Oligozoospermie, in der Regel unter 5–10 Millionen/ml), steigt das Risiko für eine zugrunde liegende chromosomale Anomalie deutlich an.
Die häufigsten Befunde bei Männern mit schwerer Infertilität sind Abweichungen der Geschlechtschromosomen, wobei das Klinefelter-Syndrom (47,XXY) am weitesten verbreitet ist. Darüber hinaus werden in dieser Gruppe auch strukturelle Umlagerungen wie Translokationen gehäuft beobachtet.
Bei Patienten mit nicht-obstruktiver Azoospermie (Fehlen von Spermien aufgrund einer Störung der Produktion) kann die Rate chromosomaler Anomalien 15–19 % erreichen.
Die ICSI-Technik (intrazytoplasmatische Spermieninjektion) hat vielen Männern mit schwerem Spermienmangel zur Vaterschaft verholfen. ICSI umgeht jedoch die natürlichen Selektionsbarrieren. Liegt beim Mann ein genetischer Defekt (z. B. eine Translokation) vor, erhöht sich dadurch das Risiko, diesen über ICSI an das Kind zu übertragen. Um dieses Risiko zu bewerten, eine fundierte genetische Beratung zu ermöglichen und wichtige Diagnosen zu stellen, die die Gesundheit des Mannes betreffen (wie beim Klinefelter-Syndrom), wird die Karyotyp-Analyse in dieser Patientengruppe dringend empfohlen.
Sollte bei wiederholtem IVF-Versagen (RIF) ein Karyotyp-Test durchgeführt werden?
Wiederholtes Implantationsversagen (RIF) beschreibt die Situation, in der trotz Transfer scheinbar hochwertiger Embryonen keine Schwangerschaft zustande kommt. Die Überlegung, bei RIF eine Karyotypisierung durchzuführen, ähnelt der bei wiederholten Fehlgeburten: Eine balancierte Translokation bei einem Elternteil kann dazu führen, dass imbalancierte Embryonen entstehen, die sich nicht einnisten können.
Der Einfluss des elterlichen Karyotyps auf RIF ist jedoch geringer als auf Schwangerschaftsverlust. Die Hauptursachen für RIF sind meist zufällige numerische Anomalien in den Embryonen (Alter-assoziierte Aneuploidien der Mutter) oder Störungen der endometrialen Rezeptivität.
Studien zeigen, dass die Prävalenz chromosomaler Anomalien bei Paaren mit RIF etwa 2,1 % beträgt und sich damit nicht wesentlich von den rund 2,0 % bei Paaren unterscheidet, die erstmals eine IVF-Behandlung beginnen.
Dies zeigt, dass der elterliche Karyotyp bei den meisten RIF-Fällen kein entscheidender Faktor ist. Daher wird ein routinemäßiger Karyotyp-Test bei allen RIF-Paaren nicht nachdrücklich empfohlen. Stattdessen gilt, dass der Test als Option „in Betracht gezogen“ werden kann und die Entscheidung nach Aufklärung über diese geringe Wahrscheinlichkeit und unter Berücksichtigung der individuellen Krankengeschichte des Patienten getroffen werden sollte.
Was bedeutet es, wenn im elterlichen Karyotyp eine „Translokation“ festgestellt wird?
Bei einer Untergruppe von Paaren, die aufgrund von Infertilität oder wiederholten Fehlgeburten untersucht werden, stellt der Nachweis, dass ein Elternteil ein „balancierter Translokationsträger“ ist, einen Wendepunkt dar. An diesem Punkt ist die Karyotyp-Analyse nicht mehr nur ein reiner Diagnosetest, sondern wird zum ersten Schritt einer gezielten Therapie – der PGT-SR (Präimplantationsdiagnostik für strukturelle Rearrangements).
Der Karyotyp-Befund des Elternteils bildet den Grundlagenplan, auf dem der PGT-SR-Prozess aufbaut. Das genetische Labor benötigt diesen Befund (mit Angabe der beteiligten Chromosomen und Banden), um einen spezifischen Test für die Embryonen zu entwickeln. Dieser diagnostische Nachweis ermöglicht eine zielgerichtete Planung der IVF-Behandlung, um das Fehlgeburtsrisiko zu senken und den Transfer imbalancierter Embryonen zu vermeiden.
Wie hilft PGT-SR (genetischer Test am Embryo) bei Translokationsträgern?
PGT-SR ist ein spezielles IVF-Verfahren, das entwickelt wurde, um bei Paaren mit balancierter Translokationsträgerschaft die Chance auf eine gesunde Schwangerschaft zu maximieren. Der Prozess kombiniert eine IVF-Behandlung mit hochentwickelten genetischen Untersuchungen.
Die allgemeinen Schritte des Verfahrens sind:
- Bildung von Embryonen mittels IVF (Entnahme der Eizellen und Befruchtung mit Spermien)
- Kultivierung der Embryonen bis zum Blastozystenstadium (Tag 5 oder 6)
- Embryobiopsie (Entnahme von 3–5 Zellen aus der äußeren Schicht, ohne den Embryo zu schädigen)
- Genetische Analyse (mittels Technologien wie NGS, um festzustellen, ob der Embryo im Hinblick auf die Translokation des Elternteils balanciert oder imbalanciert ist)
- Einfrieren der Embryonen (während auf die Ergebnisse gewartet wird)
- Auswahl und Transfer eines „balancierten“ Embryos in die Gebärmutter
Ziel von PGT-SR ist es, genetisch „imbalancierte“ Embryonen, die auf die strukturelle Umlagerung beim Elternteil zurückgehen, zu identifizieren. Diese Embryonen werden nicht transferiert. Es werden nur Embryonen ausgewählt, deren genetisches Material „balanciert“ (also vollständig) ist. Dieser Ansatz senkt das Fehlgeburtsrisiko deutlich und erhöht die Chance auf die Geburt eines gesunden Kindes.
Warum ist die Chromosomenanalyse von Abortmaterial (POC) wichtig?
Die Abklärung der Ursache eines Schwangerschaftsverlustes ist sowohl emotional als auch medizinisch von großer Bedeutung. Die genetische Analyse des Abortmaterials (POC) liefert Paaren und Ärzten äußerst wertvolle Informationen.
- Hohe Rate chromosomaler Fehler: Es ist bekannt, dass bei 50–60 % der Fehlgeburten im ersten Trimester zufällige (sporadische) chromosomale Anomalien im Embryo die wichtigste und häufigste Ursache darstellen. Zu den häufigsten gehören numerische Überhänge wie Trisomie 16.
- Emotionaler Beistand und Beseitigung von Unklarheiten: Die Erkenntnis, dass die Fehlgeburt auf einen zufälligen chromosomalen Fehler wie Trisomie 16 zurückzuführen ist, liefert eine klare medizinische Erklärung. Dies wird oft als „bestmögliches Szenario eines schlechten Ausgangs“ bezeichnet. Es nimmt den Paaren häufig Schuldgefühle und die Sorge „Habe ich etwas falsch gemacht?“. Zu wissen, dass der Verlust ein zufälliges biologisches Ereignis war und dass das Risiko einer Wiederholung desselben Fehlers sehr gering ist, vermittelt große Sicherheit.
Weichenstellung für die weitere Behandlung: Das Ergebnis der POC-Analyse ist ein entscheidender Wendepunkt für die zukünftige Planung:
- POC ist abnormal (aneuploid): Dies stützt die Diagnose wiederholter Embryonenaneuploidie. Die Ursache liegt höchstwahrscheinlich in der Qualität der Gameten (insbesondere der Eizellen) und kann – insbesondere bei fortgeschrittenem mütterlichem Alter – eine Embryonenuntersuchung wie PGT-A sinnvoll machen.
- POC ist normal (euploid): Dies spricht stark dafür, dass der Schwangerschaftsverlust nicht auf ein chromosomales Problem des Embryos zurückzuführen ist. Dieser Befund lenkt die weitere Abklärung auf nichtgenetische Ursachen von RPL (Uterusanomalien, Gerinnungsstörungen, endokrine Erkrankungen usw.) und verhindert unnötige Gentests.
Warum ist die konventionelle Karyotyp-Analyse bei Abortmaterial schwierig?
Obwohl die genetische Analyse von Abortmaterial äußerst wichtig ist, bringt die Durchführung mittels konventioneller Karyotypisierung erhebliche technische Schwierigkeiten mit sich. Diese hängen allesamt davon ab, dass der Karyotyp auf lebende Zellkulturen angewiesen ist.
Die wichtigsten Probleme der konventionellen Karyotypisierung bei POC sind:
- Hohe Kulturversagensrate (fetale Zellen in der Probe haben häufig ihre Vitalität verloren)
- Bakterielle oder fungale Kontamination (die Probe ist möglicherweise nicht steril)
- Überwucherung mütterlicher Zellen (Maternal Cell Contamination – MCC, Kontamination mit mütterlichen Zellen)
Das letzte Problem (MCC) ist das entscheidendste. POC-Proben bestehen naturgemäß aus einer Mischung fetaler (embryonaler) und mütterlicher Gewebe. Während der Kultur können die widerstandsfähigeren mütterlichen Zellen schneller wachsen als die empfindlicheren fetalen Zellen. Dadurch analysiert das Labor in Wirklichkeit die Mutter und nicht den Feten.
Damit wird ein Ergebnis wie „46,XX (normale Frau)“ völlig unklar. Es ist nicht mehr zu unterscheiden, ob es sich um einen chromosomal normalen weiblichen Feten handelt oder um die Zellen der Mutter, die einen anomalen Feten (z. B. mit Trisomie 16 oder mit einem männlichen Karyotyp 46,XY) überdecken. Aufgrund des hohen Risikos von Kulturversagen und MCC werden POC-Analysen heutzutage bevorzugt mit molekularen Methoden wie CMA oder NGS durchgeführt, die direkt die DNA des Gewebes untersuchen und keine Zellkultur erfordern.
Welcher Gentest (Karyotyp, CMA, NGS) wird heute wann eingesetzt?
In der Reproduktionsgenetik gibt es keinen einzigen „besten“ Test; es gibt nur den „richtigen Test für die richtige klinische Fragestellung“. Der Karyotyp behält seinen Stellenwert als Goldstandard, wird heute jedoch gemeinsam mit höher auflösenden molekularen Tests wie CMA und NGS eingesetzt.
Die Einsatzbereiche der Tests lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Situation: Wiederholter Schwangerschaftsverlust (RPL) ODER schwere männliche Infertilität (Azoospermie etc.)
- Test: G-bänderte Karyotyp-Analyse aus peripherem Blut der Eltern
Zweck: Nachweis struktureller Trägerzustände wie „balancierte Translokation“. Der Karyotyp ist der einzige Test, der balancierte Umlagerungen erkennen kann.
Situation: Analyse von Abortmaterial (POC)
- Test: Chromosomale Mikroarray-Analyse (CMA) oder NGS
Zweck: Ermittlung der Ursache der Fehlgeburt (z. B. Trisomie 16, Monosomie X) mit hoher Erfolgsrate und Ausschluss des Risikos einer Kontamination mit mütterlichen Zellen.
Situation: Bekannte Translokationsträgerschaft bei einem Elternteil
- Test: PGT-SR (NGS-basiert) an Embryonen
Zweck: Im Rahmen der IVF-Behandlung imbalancierte Embryonen zu identifizieren und nur balancierte Embryonen zu transferieren.
Situation: Fortgeschrittenes mütterliches Alter ODER wiederholtes IVF-Versagen (RIF)
- Test: PGT-A (NGS-basiert) an Embryonen
Zweck: Screening auf zufällige numerische Anomalien (Aneuploidien), die aus Eizellen oder Spermien entstehen, selbst wenn der Karyotyp der Eltern normal ist.
Was bedeutet ein „normaler“ Karyotyp-Befund?
Paaren eine angemessene Beratung darüber zu geben, wie ein normaler elterlicher Karyotyp-Befund (46,XX oder 46,XY) zu interpretieren ist, ist äußerst wichtig.
Ein normaler Karyotyp-Befund ist eine sehr gute Nachricht. Er zeigt, dass das Paar (oder der Einzelne) keine großen strukturellen oder vererbbaren chromosomalen Störungen trägt. Damit wird weitgehend ausgeschlossen, dass wiederholte Fehlgeburten oder Infertilität auf ein vererbtes chromosomales Problem wie eine balancierte Translokation zurückzuführen sind.
Ein normaler elterlicher Karyotyp bedeutet jedoch nicht, dass alle Embryonen des Paares genetisch normal sein werden.
Der Großteil der embryonalen Aneuploidien (wie Trisomie 21 / Down-Syndrom) entsteht durch zufällige Fehler während der Bildung der Eizellen (seltener der Spermien), unabhängig von der chromosomalen Struktur der Eltern. Dieses Risiko steigt mit zunehmendem Alter der Mutter, selbst wenn der Karyotyp der Eltern völlig normal ist.
Häufig gestellte Fragen
In welchen Fällen wird eine Karyotyp-Chromosomenanalyse angefordert?
Eine Karyotyp-Analyse kann bei wiederholten Fehlgeburten, Infertilität, Entwicklungsverzögerungen, angeborenen Anomalien und bei Verdacht auf bestimmte genetische Erkrankungen angefordert werden. Sie kann auch vor einer IVF-Behandlung empfohlen werden.
Welche genetischen Störungen können mit der Karyotyp-Chromosomenanalyse festgestellt werden?
Mit der Karyotyp-Analyse können numerische und strukturelle chromosomale Anomalien wie Down-Syndrom, Turner-Syndrom und Klinefelter-Syndrom nachgewiesen werden. Kleine genetische Mutationen können jedoch nicht erfasst werden.
Können mit der Karyotyp-Analyse mosaikartige Chromosomenstörungen erkannt werden?
Ja, mosaikartige Chromosomenanomalien können mittels Karyotypisierung nachgewiesen werden. Ist der Mosaikanteil jedoch gering, können manche Fälle übersehen werden, sodass weiterführende Tests erforderlich sein können.
Wie lange dauert es, bis das Ergebnis der Karyotyp-Chromosomenanalyse vorliegt?
Der Karyotyp-Test liefert in der Regel innerhalb von 2 bis 3 Wochen ein Ergebnis. Die Kultivierung der Zellen und die Untersuchung der Chromosomen in der Teilungsphase benötigen Zeit.
Können mit dem Karyotyp-Test Trägerzustände chromosomaler Anomalien festgestellt werden?
Ja, Trägerzustände wie balancierte Translokationen können in der Karyotyp-Analyse erkannt werden. Auch wenn diese Zustände die Gesundheit der betroffenen Person nicht beeinträchtigen, können sie in der Schwangerschaft ein genetisches Risiko darstellen.
Warum wird eine Karyotyp-Analyse bei weiblicher und männlicher Infertilität durchgeführt?
Bestimmte chromosomale Störungen können die Entwicklung von Spermien oder Eizellen beeinflussen. Daher ist die Karyotyp-Analyse ein wichtiger Bestandteil der Abklärung von Infertilität, um genetische Ursachen auszuschließen.
Wird der Karyotyp-Test zur genetischen Untersuchung von Embryonen eingesetzt?
Nein, zur genetischen Untersuchung von Embryonen werden statt der Karyotypisierung empfindlichere molekulare Tests wie PGT verwendet. Die Karyotyp-Analyse wird vor allem bei den Eltern durchgeführt.
Wann sollte bei wiederholten Fehlgeburten an eine Karyotyp-Analyse gedacht werden?
Wenn ein Paar zwei oder mehr Fehlgeburten erlitten hat, wird ein Karyotyp-Test empfohlen, um chromosomale Anomalien als mögliche Ursache abzuklären.
Welche Zellen werden für die Karyotyp-Analyse verwendet?
In der Regel werden Lymphozyten, also bestimmte Blutzellen, verwendet. Diese Zellen werden kultiviert, zur Teilung angeregt und ihre Chromosomen anschließend unter dem Mikroskop untersucht.
Kann mit der Karyotyp-Chromosomenanalyse das Risiko für genetische Erkrankungen im Voraus bestimmt werden?
Sind bestimmte erbliche Erkrankungen mit der Chromosomenstruktur verknüpft, kann die Karyotypisierung helfen, das Risiko zu bewerten. Für monogene (einzelgenbedingte) Erkrankungen sind jedoch weiterführende molekulargenetische Tests erforderlich.
